„Karl Schiewerling ist gestorben.“ Als mich Karl Josef Laumann am Sonntag vormittags anrief und mir dies eröffnete, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Ich wusste, Karl war krank, doch der unverwüstliche Optimist, hatte er nicht gesagt, er befinde sich auf dem Weg der Besserung? Nun also doch nicht, die Krankheit hatte ihn endgültig besiegt.

Karl war über acht Jahre (2009-2017) "mein" AG-Sprecher Arbeit und Soziales in der Unionsfraktion des Deutschen Bundestages und ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Bei ihm verband sich christlich-soziales Gedankengut, eingeübt im Münsterland, mit einer zupackenden und lösungsorientierten Politikkompetenz. Er wusste, welche kleinen Rädchen man bewegen musste (und konnte), um zu großen Ergebnissen zu kommen. Karl strahlte eine natürliche Autorität aus. Wenn er etwas sagte, dann war es eben so. Das habe ich bei ganz wenigen Menschen erlebt. Ich hatte dabei den Eindruck: Auch der Fraktionsvorsitzende hat diese Autorität akzeptiert nach dem Motto: Karl wird es schon machen. Vielleicht war da neben dem Grundvertrauen in Karl auch ein Stück Vorsicht dabei: Denn Karl hatte fast immer die besseren Argumente.

Er war ein Ausnahmeparlamentarier in vielerlei Hinsicht. Er zog immer eine gerade Furche, auf sein Wort war Verlass. Er war gläubiger Katholik und tief verwurzelt auch im katholischen Vorfeld (Kolping, BDKJ). Er besaß eine Lebensklugheit, die seiner parlamentarischen Tätigkeit sehr zugute kam. Karl war 2005 in den Deutschen Bundestag gekommen, mit 51 Jahren. Da konnte er auf eine lange Berufserfahrung im Verbandswesen zurückblicken, auf praktische Erfahrung, die er für das Mandat nutzbar machte. Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 2017 hat er eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht, die auf die Verhältnisse in der Fleischindustrie zielte und erste nachhaltige Verbesserungen in diesem skandalträchtigen Sektor bewirkte. Er beließ es nicht nur dabei, sich über Ungerechtigkeiten aufzuregen, er fand auch Wege, konkret etwas zu tun.

Karl stammte aus Essen, war aber seit 1985 im Münsterland zuhause, eine Region, deren Menschen man eine starke Bodenständigkeit nachsagt. Das war bei ihm auch der Fall. Wie stolz er seine Heimat präsentierte, als wir dort einmal eine Klausurtagung unserer Arbeitsgruppe durchführten! Man merkte: Hier war Heimat, im „Raumschiff Berlin“ eher nicht. Aber selbst in Berlin fand Karl noch Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren: Im Don Bosco Zentrum in Berlin-Marzahn ging es ihm darum, Jugendliche zu unterstützen, den beruflichen Einstig zu finden. Und das Motto von Don Bosco, es passte auch auf ihn: Steht mit den Füßen auf der Erde und wohnt mit dem Herzen im Himmel!

Aber er war auch neugierig auf andere Menschen, auf andere Länder. Wir waren auf einer gemeinsamen Ausschussreise 2011 in Kanada. Karl hat unsere Delegation souverän geleitet, sich aber auch über die Möglichkeit gefreut, gerade dieses Land einmal kennenlernen zu können. Und gerade auf solchen Reisen habe ich ihn entspannt und gelöst erlebt, humorvoll und gesellig. Und er hatte stets einige gute Geschichten über die katholische Kirche auf Lager! Und Karl konnte Geschichten gekonnt aufbereiten und erzählen.

Nach seinem Mandat hat Karl mit der ehemaligen SPD-Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller die Rentenkommission der Bundesregierung geleitet und war Vorsitzender der Stiftung für Christlich-Soziale Politik in Königswinter. Dort habe ich weiter mit ihm zusammen arbeiten dürfen. Innerhalb kurzer Zeit hatte er mit Energie und Tatkraft die Stiftung neu positioniert und die Arbeit auf solide Grundlagen gestellt. Keine leichte Aufgabe, aber Karl hat sich dieser Aufgabe mit großem Engagement gestellt.

Ich habe mich häufig darüber geärgert, dass Menschen wie Karl nicht mehr auch im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Für mich war er ein großes Vorbild in der Kombination von Sachkompetenz, Führungsqualität, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit. Er verkörperte Glaubwürdigkeit in der Politik durch Haltung. Er verkörperte das Christliche in der Politik mit Überzeugung. Und er verkörperte die menschliche Zuwendung in der Politik mit Selbstverständlichkeit.

Seine Stimme, sein Humor, seine Menschlichkeit, seine Kompetenz: All das wird fehlen. Meine Gedanken sind bei seiner Familie, denn Karl schien mir vor allem eins: Ein Familienmensch.


Karl Schiewerling

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