Unverblümt war er häufig, streitbar, innovativ in der Weiterentwicklung des Sozialstaats, entschieden auf dem Wertefundament der katholischen Soziallehre: Norbert Blüm ist gestorben. Die CDA Hessen trauert um einen der ganz großen Gestalter der Idee der Sozialen Marktwirtschaft, einen Denker, der gleichwohl aus eigener beruflicher Erfahrung auch die Lebenswirklichkeit der Industriearbeiter besonders gut kannte. Der Rüsselsheimer Norbert Blüm hatte nach einer Lehre als Werkzeugmacher viele Jahre bei Opel gearbeitet, bevor er ein Studium aufnahm. Blüm war zeitlebens ein engagierter Gewerkschafter in der IG Metall ebenso wie engagiertes Mitglied in der Katholischen Arbeitnehmervertretung. Als Mitglied der CDU seit 1950 (mit 15!) hat er schnell auch den Weg in die CDA gefunden; viele Jahre hat Norbert Blüm die CDA als Bundesvorsitzender geleitet und geprägt.

Vielen ist Norbert Blüm noch als der charismatische Arbeits- und Sozialminister in Erinnerung; er blieb es während der gesamten Ära Kohl. Hier hat er entscheidende Anstöße geliefert für eine moderne Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. So ist auf Norbert Blüm zurückzuführen die Berücksichtigung von Kindererziehung in der gesetzlichen Rentenversicherung, die Gleichstellung der Teilzeitarbeit und die Erleichterung der Berufsrückkehr nach Kindererziehungszeiten. Auf diese Art und Weise hat er die Arbeitsmarkt-und Sozialpolitik auch der Union modernisiert. Das war der Kern der neuen sozialen Frage, die die Union debattierte: Die Politik für Familien, vor allem für Mütter, die durch einen Kinderwunsch nicht vom Arbeitsmarkt abgehängt werden wollten.

Sein größter Erfolg war zweifellos die Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung zum 1. Januar 1995. Diese neue Säule des Sozialstaats hat sich als eine der wichtigsten sozialpolitischen Innovationen der vergangenen fünfzig Jahre erwiesen. Sie ist aus der heutigen sozialpolitischen Landschaft nicht mehr wegzudenken und ist ein großer Segen in einer alternden Gesellschaft.

Der hessische CDA Landesvorsitzende Matthias Zimmer wies darauf hin, dass Norbert Blüm auch nach seinem Ausscheiden aus der aktuellen Tagespolitik noch in hohem Maße präsent war. Sein weltweiter Einsatz für Kinderrechte und gegen die Ausbeutung von Kindern hat ihn immer wieder gefordert. So war er Vorsitzender des Vereins Xertifix, der sich gegen die Kinderarbeit in der Natursteinbranche wandte. Das Label Xertifix steht für Natursteine aus Indien, die ohne Kinder- oder Sklavenarbeit hergestellt werden. Unvergessen auch sein Einsatz für die Flüchtlinge im Flüchtlingslager Idomeni, wo er aus Solidarität mit den Flüchtlingen eine Nacht verbrachte.

Blüm hat sich nie gescheut, auch gegenseine eigene Partei Stellung zu beziehen. Sein Eintreten für verfolgte Regimegegner in Chile 1987 oder seine Reisen mit Rupert Neudeck in die Palästinensischen Autonomiegebiete waren ebenso umstritten seine Kapitalismuskritik, die er in vielen Büchern immer wieder neu formulierte. Blüm war einer der entschiedensten Kritiker der Hartz-Gesetzgebung und beklagte wortstark die Auswüchse des Neoliberalismus in
Deutschland. Er forderte eine Wirtschaft nach dem Maß des Menschen, die auch die Fragen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes ernst nahm.

Der CDA-Vorsitzende Zimmer sagte: „Mit Norbert Blüm verliert die katholische Soziallehre einen der herausragenden Repräsentanten und die CDU einen der wenigen Politiker, die glaubhaft die Brücke von der katholischen Soziallehre zur Programmatik der CDU schlagen konnten. Dabei hat Norbert Blüm, bei allem Kampfesmut und allem Kampfesgeist, wohl auch immer die Maxime von Papst Johannes XXIII. beherzigt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Er war von heiterer Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen, hatte ein beachtliches komödiantisches Talent und eine unvergleichbare Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen. Er war einer der wenigen Politiker, die jemals sowohl Sachbücher als auch erfolgreiche Kinderbücher schreiben konnten; der sowohl mit Professoren gelehrt disputieren als auch in herzlicher Zuwendung zu den Armen, Alten, Ausgestoßenen sprechen konnte. Dieser Norbert Blüm war für mich ein gelehrter Schalk Gottes, der an das Gute im Menschen glaubte und es in beinahe seelsorgerischer Hinwendung aus den Menschen herauskitzeln konnte. Ich habe ihn geschätzt wegen seiner Freundschaft, die in dem unverwechselbaren hessisch-rheinischen Tonfall noch ein Stück wärmer klang; wegen seiner entschiedenen Orientierung an dem Christlichen, das bisweilen in der Entschiedenheit schroff wirken konnte, aber in seiner aktiven politischen Karriere durch eine lebensgewitzte Klugheit ergänzt wurde, die das Machbare dem lediglich Möglichen vorzog. Die CDA verliert durch den Tod von Norbert Blüm ein Vorbild, einen Mentor und eine Inspiration. Wir werden ihn vermissen.“

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